Arten

Faszination Fahrsport

 

Eine alte Tradition findet immer mehr neue Anhänger:


Noch zur Zeit unserer Urgroßeltern prägten Kutschen das Bild unserer Städte wie heut die Autos. Wer die einschlägige Literatur studiert, wird beispielsweise bei Max Pape, dem Meisterschüler des Fahrsport-Urvaters Benno von Achenbach, viel über internationale Fahrsport-Turniere selbst noch in den zwanziger und dreißiger Jahren lesen können. Danach schienen die Kutschen langsam aber sicher auszusterben. Fahrsportlicher Tiefstpunkt waren die sechziger und siebziger Jahre, in denen diese traditionsreiche Art der Fortbewegung bis auf ein paar Fiaker oder Kutschen in Festzügen nahezu vollständig verschwunden war. Die Renaissance des Kutschenfahrens begann vor rund zehn Jahren und hat sich bis heute zu einem Boom ausgeweitet.

Zahlreiche Fahrsportgeschäfte und wiederauferstandene oder auch neue Kutschenmanufakturen - weltweit voran deutsche und polnische Unternehmen - zeugen davon. Und, gleichsam als Gegenströmung zur lichtleiterschnellen Informationsgesellschaft, blieben die Prinzipien und Grundlagen des Fahrens dieselben, die der geniale Fahrer, Lehrer und Begründer der weltweit anerkannten Fahrlehre, Benno von Achenbach vor rund 100 Jahren formuliert hat. Natürlich wurden auch im Fahrsport einige Details, die Achenbach noch postulierte, verbessert oder verändert. Im großen Vierspännersport hat man sich zum Beispiel vom Achenbach’schen Fahrleinen-System getrennt. Zwei mal zwei unabhängige Leinen, die kunstvoll, aber kompliziert in drei Fingerzwischenräume der linken Hand geführt werden, während die rechte Hand bei Wendungen Schlaufen legen muss, ließen nicht die geforderte Reaktion bei den rasanten Hindernisfahrten der Marathonprüfung zu. Auch die Kutschen sind heute stabiler und komfortabler für Ross und Fahrer als zu Achenbachs Zeiten.

Was die Faszination dieses Sports ausmacht, empfindet sofort jeder, der sich bei einer Marathon-prüfung unmittelbar an einem Geländehindernis aufhält. Nicht so einfach nachzuempfinden ist für viele die offizielle Bewertung eines Fahrturniers. Daher beschreiben wir, so kurz und verständlich es geht, die drei Kategorien des Fahrsports: Dressur, Marathon und Kegelfahren.

 

Dressur

In der Dressur wird auf einem 40 mal 100 Meter großen Rasen- oder Sandviereck gefahren. Als Orientierungshilfe und für den reproduzierbaren Ablauf einer Dressurprüfung befinden sich entlang der Bande 12 markierte Bahnpunkte. Drei imaginäre Bahnpunkte beschreiben in der Längsachse der Viereckmitte die äußeren Zirkelpunkte sowie den Mittelpunkt. Sinn einer Dressurprüfung ist es, die korrekte Ausbildung der Pferde und der Fahrer zu überprüfen. Diese Aufgabe übernehmen drei bis fünf Richter, die wiederum an bestimmte, festgelegte Beurteilungskriterien gebunden sind. Vergeben werden Noten von 1 (schlecht) bis 10 (hervorragend) sowie ein Kommentar zur gezeigten Leistung. Nach einer Prüfung erhalten die Fahrer selbstverständlich Einblick in diese Protokolle - nicht immer und jedem zur reinen Freude! Um vergleichbare Bewertungen zu erhalten, unterziehen sich alle Teilnehmer der selben Aufgabe. Jede der Dressuraufgaben ist unterteilt in einzelnen Lektionen, die auch einzeln bewertet werden.

Es kommt auf korrekt gefahrene Hufschlagfiguren (Verlauf innerhalb der Bahnpunkte), Gang und Tempo des Gespannes an. Zusätzlich zur Bewertung der Lektionen werden die Gespanne noch in fünf Kriterien bewertet:

1. Gangart der Pferde (Reinheit der Gänge, Takt, Beibehaltung der Gangart und Gleichmäßigkeit)
2. Schwung der Pferde (Gehlust, Elastizität, Rückentätigkeit und Aktivität der Hinterhand)
3. Gehorsam der Pferde (Annehmen der Hilfen des Fahrers, Stellung und Biegung, Maultätigkeit und Durchlässigkeit)
4. Können des Fahrers (Handhabung von Leinen und Peitsche, Sitzhaltung, Einhaltung der Hufschlagfiguren) und
5. die Präsentation des Gespannes (Aufmachung und Erscheinung der Pferde, der Geschirre, des Wagens sowie des Fahrers).

Aus elf Lektionen und fünf weiteren Bewertungskriterien werden insgesamt 16 Einzelnoten verteilt, die zu einer Gesamtpunktzahl addiert werden. Aus den Gesamtpunktzahlen der fünf Richter wird der Durchschnitt errechnet. Nehmen wir einen Testfahrer an, der von einem der Richter in allen Lektionen sowie den fünf zusätzlichen Bewertungen eine 7 bekommt, so erfüllt er von diesem Richter 16 x 7 = 112 Punkte für die Dressuraufgabe. Die Punkte aller fünf Richter werden addiert und daraus der Durchschnitt errechnet. Unser Testfahrer hat von den fünf Richtern die Gesamtpunktzahl 112 + 118 + 115 + 110 + 115 = 570 erhalten. Geteilt durch 5 (fünf Richter) ergibt es eine Durchschnittspunktzahl von 114. Hart, wie es in diesem Sport nun einmal für die Fahrer zugeht, zählen nur die "Strafpunkte", also die Differenz zur maximal erreichbaren Punktzahl von 160 (16 x 10). Somit muss der Testfahrer 160 - 114 = 46 Strafpunkte einstreichen. Gewinnen wird die Dressur der Fahrer mit den wenigsten Strafpunkten.


Marathon

Die Marathonprüfung besteht aus einer bis zu fünf Phasen (A bis E) unterteilten Wegstrecke und bis zu acht Hindernisse:

Phase A: Trab (5 bis 7 km)
Auf dieser Strecke werden die Pferde mit einem Tempo von etwa 15 km/h warmgefahren. Die zu fahrende Zeit errechnet sich aus dem Stundenmittel plus/minus 90 Sekunden. Braucht der Fahrer mehr oder weniger als die Standardzeit plus/minus 90 Sekunden, so gibt es pro Sekunde außerhalb der erlaubten Zeit 0,2 Strafpunkte.
Phase B: Schritt (ca. 1 km)
Hier muss im Schritt mit einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 7 km/h gefahren werden. Ein Überschreiten der Zeit wird analog zur Phase A mit Strafpunkten belegt.
Phase C: Trab (3 bis 5 km)
Dies ist die Strecke für schnellen Trab mit 18 km/h. Die Strafpunkte werden wie in Phase A verteilt, allerdings sind hier nur 60 Sekunden über oder unter der Standardzeit erlaubt.
Phase D: Schritt (ca. 1 km) wie Phase B
Phase E: Hindernisstrecke (ca. 8 km)
Diese Strecke wird pro Hindernis mit einem Kilometer ausgelegt, d. h. eine Strecke mit acht Hindernissen ist 8 Kilometer lang. Es muss eine durchschnittliche Geschwindigkeit von 14 km/h gefahren werden, wobei die Karenzzeit wieder plus/minus 90 Sekunden beträgt. Befindet sich das Gespann in einem Hindernis, so wird noch einmal gesondert die Zeit genommen. Bis zum vollständigen Durchfahren wird jede benötigte Sekunde in 0,2 Strafpunkte umgerechnet. In den Hindernissen kommt es vor allem auf das Geschick, Können und die Reaktion von Fahrern, Beifahrern und Pferden an. Die Hindernisse sind mit Buchstaben für die Tore gekennzeichnet (A - E oder A - F). Diese Tore müssen in alphabetischer Reihenfolge so schnell wie möglich durchfahren werden. Vergisst der Fahrer ein Tor innerhalb eines Hindernisses, scheidet er aus. Für ein falsch durchfahrenes Tor oder Korrigieren gibt es 20 Strafpunkte, ebenso wie für das Absteigen des Beifahrers innerhalb des Hindernisses. Kippt die Kutsche im Hindernis gar um, gibt das 60 Strafpunkte. Gewinner der Marathonprüfung ist wie bei der Dressur das Gespann mit den wenigsten Strafpunkte.

Unser Testfahrer hat die Marathonprüfung soeben auch beendet. Auf der Strecke C war er zehn Sekunden zu langsam; das gibt 2 Strafpunkte (10 x 0,2). Um dies auszugleichen, fuhr er schneller - leider etwas zu schnell; in Strecke E streicht er für 20 Sekunden unter der geforderten Zeit 20 x 0,2 = 4 Strafpunkte ein. Hindernis 1 (H1) durchfährt er in 50, H2 in 60, H3 in 70, H4 in 65, H5 in 50, H6 in 55, H7 in 60 und das letzt Hindernis H8 in 70 Sekunden. Gesamt sind das 480 Sekunden x 0,2 Strafpunkte und damit 96 Strafpunkte. Zu allem Überfluss fährt er in H2 Tor B noch von der falschen Seite an. Er merkt das, korrigiert sich und kassiert aber leider noch einmal 20 Strafpunkte. Seine Geländeprüfung beendet er mit 2 + 4 + 96 + 20 = 122 Strafpunkten.

Das Zwischenergebnis ist die Summe der Strafpunkte aus Dressur und Marathon. Mit 46 + 122 = 168 Strafpunkten kann unser Testfahrer jetzt schon den Traum vom Sieg vergessen.


Kegelfahren (Hindernisfahren)

Das Hindernisfahren findet wieder auf einem Platz statt. Dort steckt die Turnierleitung einen Parcours aus roten Pylonen ab, die jeweils einen kleinen Ball auf der Spitze liegen haben. Wie unschwer zu erraten, gilt es, diese Tore zu durchfahren, ohne dass die Bälle herunterfallen oder gar die Pylonen umfallen. Nicht einfach, wenn man sich die nur wenige Zentimeter breiten Abstände zwischen Radnaben und Pylonen genauer ansieht. Die Pylonen-Tore sind nummeriert, und es gilt, die Tore in der richtigen Reihenfolge zu durchfahren. Ein Parcours besteht üblicherweise aus bis zu zwanzig Kegel-Toren und ein bis zwei festen Hindernissen aus Stangen, die in U- oder L-Form aufgebaut werden. Auch die Zeit spielt beim Kegelfahren, wie schon in der Dressur und dem Marathon eine Rolle. Die erlaubte Zeit variiert je nach Parcourslänge und für Zeitüber- bzw. -unterschreitungen gibt es pro Sekunde 0,2 Strafpunkte. Der Abwurf eines Balles, einer Stange in den festen Hindernissen oder wenn die Pferde verweigern, wird sogar mit fünf Strafpunkten quittiert. Wer ein falsches Tor durchfährt oder ein Tor vergisst, wird von der Prüfung ausgeschlossen. Beenden mehrere Fahrer den Kegelparcours mit Null Fehlern, gibt es ein Stechen. Wie beim Springen müssen die Fahrer einen verkürzten Parcours auf Zeit bewältigen. Hier wird es richtig spannend: Der Abwurf eines Balles gibt nämlich auch hier fünf Strafpunkte und wird nicht in Zeit umgerechnet. Daher gilt es beim Stechen umso mehr, exakt zu fahren. Unser Testfahrer glänzt beim Kegelfahren leider auch nicht. Er schafft die Zeit nicht, ist zehn Sekunden zu langsam und wirft zu allem Überfluss auch noch einen Ball ab. Das Stechen bleibt damit für ihn ein Wunsch fürs nächste Turnier. Seine Wertung lautet: 10 x 0,2 + 5 = 7 Strafpunkte.


Kombination

Gewinner der Kombinierten Wertung ist der Fahrer, der über alle drei Teilprüfungen die wenigsten Strafpunkte gesammelt hat. Der Testfahrer beendet das Turnier mit 45 Strafpunkten aus der Dressur, 122 Strafpunkten aus dem Gelände und 7 Strafpunkten aus dem Hindernisfahren. Das ergibt eine Gesamtwertung für die Kombination von 175 Strafpunkten.